Sonntag, 29. August 2010

In Tabgha ist ordentlich was los


Heute geht für mich eine sehr stressige, aber auch schöne Woche zu Ende, bzw. nach Israelischen Regeln geht die neue Woche jetzt schon los, aber egal.
Es ist hier so, dass immer, wenn eine neue Gruppe oder Familie zu uns nach Tabgha auf die Begegnungsstätte kommt, ein „Kontaktzivi“ bestimmt wird, der dann der Ansprechpartner dieser Gruppe ist und bei allen Problemen und Fragen angerufen werden kann. Zum ersten Mal seit ich hier bin, kam am Donnerstag eine richtig große Gruppe (39 Leute) auf die Begegnungsstätte. Die Gruppe kommt aus Jerusalem aus dem Hospice St. Vincent de Paul und besteht aus körperlich und geistig Behinderten und deren Betreuern, die aus allen Teilen der Welt kommen (teilweise auch Volontäre). Und für diese Gruppe wurde ich als Kontaktzivi auserkoren. Irgendwie wirkten die Betreuer ein wenig überfordert mit ihrer großen Gruppe, so dass schon bei der Ankunft Chaos herrschte.
Mein Handy klingelte dann am ersten Tag auch schätzungsweise 5000 mal und ich konnte nicht mal in Ruhe essen. Meistens musste ich denen nur kurz was zeigen oder neue Bettwäsche bringen. Der Höhepunkt war dann aber, als mich die Leiterin der Gruppe, die übrigens aus Kanada kommt, anrief und mir sagte, dass irgendwie drei Behinderte verloren gegangen sind und wir jetzt bitte eine große Suchaktion starten sollten. Nach ungefähr einer Dreiviertelstunde wurden dann alle auf irgendwelchen Feldern oder Plantagen in der Umgebung gefunden und zum Glück wohlbehalten zurückgebracht. Das hat mich schon ein wenig schockiert.
In Israel wird von staatlicher Seite nur sehr wenig für die Betreuung von Behinderten getan. Deshalb müssen die Einrichtungen für Behinderte mit sehr wenig Geld auskommen. Für geschultes Personal ist nicht genug Geld übrig und deshalb sind die Einrichtungen auch auf Volontäre angewiesen. Diese sind dann natürlich nicht so professionell und erfahren und so kann es schonmal passieren, dass alles ein bisschen chaotisch und behelfsmäßig ist. Das ist aber natürlich besser, als wenn gar nichts läuft, da es Behinderte vor allem in der arabischen Kultur nicht leicht haben. Sie sind in ihren Familien oft hilflos Gewalt ausgeliefert, da die Behinderung als Teufelswerk angesehen wird oder sowas.
Die Leute, die in solchen Einrichtungen für wenig oder gar kein Geld arbeiten, haben meinen größten Respekt, da man wirklich rund um die Uhr beschäftigt ist und die Arbeit auch sehr belastend ist. Im Vergleich zu den Volontären, die in solchen Einrichtungen arbeiten, ist meine Arbeit echt gechillt. Aber so gechillt ist sie dann auch wieder nicht.
Da ich auch dieses Wochenende nicht frei hatte (das nächste zum Glück wieder), musste ich auch dann in Bereitschaft bleiben und die Arbeit mit den Gruppen ist ja nicht die einzige. Zwischendurch schneid ich immer noch an ein paar Bäumen rum, flick ein paar Gartenschläuche oder düs mit dem Traktor durch die Gegend.
Alles in allem ist meine Arbeit sehr vielfältig und macht echt Spaß. Aber Freizeit muss auch sein. :) Diese habe ich in den letzten Tagen genutzt, um ein wundervolles Buch namens „Bonbon aus Wurst“ des Ausnahme-Autors Helge Schneider zu lesen. Es ist wirklich ein herausragendes Stück deutscher Literaturgeschichte und ich kann die Lektüre jedem wärmstens empfehlen.

Viele Grüße,
Johannes

Sonntag, 22. August 2010

Generationenwechsel

So langsam übernimmt die neue Generation von Volontären die Verantwortung hier in Tabgha. Mein Vorgänger (der wie ich vom Erzbistum Freiburg entsandt wurde) ist am Freitag wieder nach Deutschland geflogen, nachdem wir am Abend vorher noch gemütlich am Pool den Abschied gefeiert haben.
Jetzt sind nur noch zwei Volontäre der alten Generation da, die sich aber auch in den nächsten Wochen Richtung Heimat aufmachen werden. Es ist ein komisches Gefühl, sich von den alten Volontären zu verabschieden. Dabei ist mir erst klar geworden, dass ich noch ein ganzes Jahr vor mir hab. Einerseits eine sehr lange Zeit, aber vermutlich werde ich am Ende des Jahres denken: „Was, schon vorbei?“. Ich bin mal gespannt, wie ich mich in diesem Jahr verändern werde, welche Menschen ich kennen lernen werde und was für Erfahrungen ich machen werde.

Im Moment haben wir hier auf der Begegnungsstätte nur europäische Gruppen und Familien, da in Israel keine Ferien-Saison ist und arabische Gruppen kommen sowieso während dem Ramadan nicht. Deshalb kommt es im Moment zu keinem Aufeinandertreffen von verschiedenen Kulturen. So ein Pech, jetzt wurde ich beim Ausreiseseminat von Leonel so gut darauf vorbereitet, dass mir alles ein bisschen deutlich wurde. Aber das kommt ja noch demnächst.
Trotzdem ist viel los auf der Begegnugsstätte; wir hatten in den letzten Tagen viel mit der Vorbereitung der Häuser und Zelte für neue Gäste zu tun. Dadurch habe ich viel Übung im Putzen bekommen, da wird sich meine Mama sicher freuen. :)
Die meisten Leute, die im Moment hier sind, sind Familien oder Gruppen von jungen Leuten, die hier Urlaub machen und Entspannung suchen, was man hier wirklich gut kann. Die Begegnungsstätte liegt wunderschön direkt am See und außerdem ist dank der fleißigen Volontäre immer alles tiptop gepflegt. Wenn man sich auch in der Freizeit (haben wir ab 16:00 Uhr, das klingt vielleicht früh, aber durch die Hitze ist der Arbeitstag trotzdem sehr anstrengend!) auf der Begegnungsstätte aufhält, kommt man schnell in Kontakt mit den Gästen. Vor allem, weil auch alle Deutsch können. :) In meinem Jahr hier in Tabgha werde ich wohl viele neue Leute kennen lernen.
Auch die Mönche, die hier im Kloster leben, setzen sich übrigens gerne mal mit einem Bierchen abends zu den Volontären und unterhalten sich nett. Alle zusammen sind wir eben - wie Pater Ralph in seiner Ansprache an unserm ersten Tag gesagt hat – die „Tabgha Family“.
Behinderten-Gruppen haben wir hier im Moment auch nicht, da diese eben meistens aus Israel oder dem Westjordanland kommen. Den Umgang mit Behinderten konnten wir trotzdem schon einmal üben, da sich Matze am Fuß verletzt hat und dann leider mit dem Rollstuhl durch die Gegend gefahren werden musste:


In den letzten Tagen haben wir auch viele organisatorische Dinge geklärt, ich hab z.B. jedes zweite Wochenende ein freies Wochenende, an denen ich mir gaaanz viele Orte in Israel anschauen will. Tabgha ist zwar schön, aber man will ja auch mal was anderes sehen und hier gibt es so viele interessante Sachen direkt vor der Nase. Am 3. Oktober kommen die Toten Hosen nach Tel Aviv, ich hoffe das klappt. :)

Viele Grüße,
lasst von euch hören,
Johannes

Montag, 16. August 2010

Reise nach Jerusalem (Haha)

Dieses Wochenende haben alle neuen Volontäre in Tabgha und die zwei noch verbleibenden Volos der alten Generation einen Ausflug nach Jerusalem gemacht. Da Tabgha sehr „deutsch“ ist und auch generell nicht viel abgeht, habe ich zum ersten Mal einen Einblick in die israelische und arabische Kultur mit ihren vielen verschiedenen Facetten bekommen.
Da nicht genug Platz im Auto war, bin ich zusammen mit einem der alten Volontäre mit dem Bus gefahren. Busfahren ist in Israel sehr günstig. Ich bin für 10 € nach Jerusalem gekommen und das ist immerhin eine dreistündige Fahrt. Dafür muss man sich damit abfinden, dass Israelische Busfahrer anscheinend nicht gerade Anhänger eines gleichmäßigen, vorsichtigen und ruhigen Fahrstils sind. Wir sind trotzdem heil angekommen.
In Jerusalem sind wir dann erstmal durch die Neustadt (der westlich orientierte, moderne Teil der Stadt) zu unserer Unterkunft gelaufen. Da sah alles noch so aus, wie ich es aus Europa gewohnt bin. Die gleichen Läden, die es überall gibt, westlich gekleidete Menschen, und gemütliche Straßencafés und Bars. Der „Kulturschock“ kam dann erst später – als wir am nächsten Tag durch die Altstadt liefen, um uns erstmal dich wichtigsten Sachen, anzuschauen.
Ich muss echt sagen, dass ich ziemlich überwältigt von den verschiedenen Eindrücken bin. Einen Ort, an dem so viele verschiedene Kulturen und Religionen auf engstem Raum aufeinander treffen, gibt es auf der Welt wohl kein zweites Mal. Orthodoxe Juden mit langen Bärten und schwarzen Hüten, westlich gekleidete Menschen, verschleierte muslimische Frauen, junge Araber mit weißen Turnschuhen und glitzernden G-Star-T-Shirts, Ordensschwestern und -Brüder, jede Menge Soldaten und süße Babykätzchen:


Ein süßes Babykätzchen

Das alles verschwimmt zu einem lauten Durcheinander und kann anfangs ganz schön verwirrend sein.
Besonders interessant war das muslimische Viertel nach Sonnenuntergang, weil im Moment Ramadan ist und die Muslime dann immer abends Party machen, weil sie sich endlich den Bauch vollschlagen können. Es gibt dann bunte Beleuchtung auf den Straßen, Feuerwerk und man kann leckere Falafel (so frittierte Gemüsebällchen, die so wie Döner, nur halt mir Falafel statt Fleisch, serviert werden) essen. Der billigste Falafel der Stadt kostet 6 Schekel (1,20 €) und ist trotzdem ziemlich lecker.
Und zu den ganzen verschiedenen Menschen, die man sieht, kommen natürlich noch die beeindruckenden Sehenswürdigkeiten (Klagemauer, Grabeskirche, Felsendom, letzteren hab ich aber nur von Weitem gesehen, da wird man nicht hin gelassen) hinzu. 


Coole Volontäre auf dem Ölberg und im Hintergrund viele alte Steine


Besonders interessant fand ich die Grabeskirche. Die verschiedene christlichen Konfessionen (von denen gibt’s übrigens erheblich mehr, als man in Deutschland vermuten würde) erheben Anspruch auf den Besitz der Kirche. Deshalb ist die Kirche aufgeteilt und es reihen sich völlig unterschiedlich aussehende Teile aneinander. Trotzdem können sich die Konfessionen nie einigen, wem was gehört und wer für was zuständig ist. Das führt dann oft zu absurden Streitigkeiten. Vor der Kirche gibt es z.B. eine Treppe und einen Vorplatz. Die eine Konfession ist für das Putzen der Treppe, die nächste für das Putzen des Vorplatzes zuständig. Jetzt ist es aber so, dass die untere Stufe der Treppe ziemlich tief ist und deswegen auch zum Platz gezählt werden könnte. Ja, und dann gibt es erbitterte Streits darüber, wer denn jetzt die untere Stufe sauber machen darf. Solche Streitigkeiten führen auch mal zu Handgreiflichkeiten unter Ordensleuten, wie folgendes Youtube-Video beweist:

Eigentlich ein Armutszeugnis, aber irgendwie auch lustig.
Auch ansonsten ist Jerusalem natürlich eine Stadt voll von Konflikten:
Da hinten sieht man die Mauer, die Israel vom Westjordanland trennt


Erstmal soviel, ich muss die ganzen Eindrücke noch verarbeiten, mal ein bisschen was über die Stadt lesen und dann möglichst bald nochmal hinfahren.

Viele Grüße,
Johannes

Donnerstag, 12. August 2010

Ankunft

So, ich bin jetzt schon seit drei Tagen in Israel, bin aber jetzt erst auf die Idee gekommen, ein Blog zu schreiben. Deswegen erstmal noch nachträglich was zu meiner Ankunft:

Der Flug nach Tel Aviv war recht angenehm und die Schikanen des Sicherheitspersonals am Flughafen hielten sich zumindest für israelische Verhältnisse in Grenzen. Angekommen bin ich mit meiner FSJ-Kollegin Katharina um 3 Uhr morgens und wir wurden praktischerweise direkt von unserer Chefin Nicole abgeholt. Zwei Stunden später kamen wir dann in Tabgha , dem kleinen Ort, in dem wir das nächste Jahr wohnen und arbeiten werden, an.
Von einem Ort zu sprechen ist eigentlich schon zu viel. Hier gibt es ein Kloster mit so ca. fünf Mönchen und die sogenannte Begegnungsstätte, wo Gruppen – teils mirt körperlich oder geistig behinderten Menschen – aus verschiedenen Kulturen (Israelis, Araber, Deutsche) Urlaub machen. Diese Begegnungsstätte wird von Freiwilligen geleitet und in Schuss gehalten (Einzige Ausnahme ist unser neuer Chef Paul, der für seine Arbeit bezahlt wird, wie unfair!). Durch die Gruppen auf der Begegnungsstätte und die vielen Pilger, die kommen, um sich die Klosterkirche anzuschauen (Die ist ziemlich berühmt, weil man sagt, dass hier die Brotvermehrung stattfand), ist hier trotz den wenigen dauerhaften Bewohnern in Tabgha immer viel los. Insgesamt sind wir hier 8 Freiwillige, von denen die meisten (wie ich) in der Begegnungsstätte arbeiten und auch noch ein paar in einem Souvenirladen für die Pilger.
So, erstmal genug über die Einrichtung. Als wir irgendwann morgens ankamen, war ich natürlich einerseits total gespannt auf die anderen Leute hier (mit denen muss ich's immerhin ein Jahr lang aushalten), aber andererseits auch total müde, deswegen hab ich erstmal bis zum Mittagessen gepennt.
Beim Mittagessen hab ich dann alle meine Kollegen kennen gelernt, besonders interessant war das Kennenlernen meiner WG-Mitbewohner. Auf den ersten Blick scheinen alle ganz nett zu sein, mal schauen, ob sich das auch im Nachhinein bewahrheitet. :)
Auch mit dem Arbeiten habe ich seit gestern angefangen. Es gibt hier verschiedene Aufgabenbereiche, die dann jeweils von einem Freiwilligen übernommen werden und wie es im Moment aussieht, werde ich wohl den Garten übernehmen. Soviel Erfahrungen mit Pflanzen habe ich zwar noch nicht (ich hatte mal in der 10. Klasse zwei Topfpflanzen in meinem Zimmer, die dann aber vertrocknet sind, weil ich sie nicht gegossen habe), aber ich bin ja hier, um neue Dinge zu lernen. Zur Arbeit muss ich noch sagen, dass es hier einfach saumäßig heiß ist (über 40°), man transpiriert also ordentlich. Zum Glück haben wir hier einen Pool, in den man zur Abkühlung springen kann:



In den nächsten Tagen werde ich mal versuchen, ein paar mehr Bilder zu machen, damit man auch mal sehen kann, wie es hier so aussieht. Es sieht ziemlich dufte aus, soviel kann ich schonmal verraten. Am Wochenende machen wir einen Ausflug nach Jerusalem, da werd ich bestimmt wieder was zu erzählen haben. Solltet ihr irgendwelche Fragen haben oder mir sonst irgendetwas erzählen wollen (Gute Witze oder so), meldet euch per Email, facebook oder sonst irgendwas.

Viele Grüße,
Johannes